Monatsarchive: Februar 2020

Andacht

 „Immer denken wir, das Wesentliche müsse durch unsere Hände gemacht werden, wenn etwas Entscheidendes in unserem Leben sich ereignen solle, müssten wir etwas tun. (…) Wie viel Schönheit wird überlagert durch all das, was wir glauben erledigen zu müssen! Wie viel von der Zauberkraft unseres Herzens geht zugrunde an all dem Gestampfe, Gerenne, Getrete und Gelaufe in unserem Leben! Wäre es nicht möglich, es reifte das, was wir sind, in unserer Tiefe, und wir könnten’s gar nicht erklügeln, nicht beschließen, es wäre einfach nur da?“ (Eugen Drewermann)

 

Sonnenhut und Fackellilien, Prachtscharte und Akelei. Lauter Blüten in rosa und orange, lila und zartgelb. Aber so weit ist es noch lange nicht. Noch stecken sie in beschrifteten kleinen Zellophantüten, als verschrumpelt-braune Klumpen, und alle miteinander in einer großen Box – „35 Stauden für Ihren Garten“. In den nächsten Tagen werde ich sie in die Erde bringen. Pflanzlöcher graben. Die Inhalte der einzelnen Tüten sorgsam darauf verteilen. Und dann diese kümmerlichen kleinen Andeutungen einer Pflanze wieder mit Erde zuschütten und wässern. Es ist ein Wunder, dieses Staudenleben. Dass diese Pflanzen aus der Wurzel ausschlagen, aus dem Fast-Nichts-Mehr. Und anderswo im Garten genauso. Die Hortensienbüsche, die Jahr für Jahr üppiger blühen. Frauenmantel und Fetthenne. Und auch die Apfelbäume und der Flieder. Noch vor wenigen Wochen sahen sie wie abgestorben aus. Jetzt regt sich was, überall, grüne Triebe, ein Reifen und Wachsen. Von selbst, ohne mein Tun. Was die Pflanzen angeht, so haben mich die Jahre als Hobbygärtnerin zuversichtlich gemacht. Wenn es ab und zu regnet und der Sommer nicht gar zu heiß wird, dann geschieht das Wesentliche ganz von alleine. Es reicht, dass ich schlafe und aufstehe und umherlaufe und staune. Höchstens einmal hier und dort etwas zurechtschneide. Was mein eigenes Werden angeht, bin ich weniger zuversichtlich. Da setze ich eher auf stetig zu erneuernde Listen, auf bewusste Selbstreflexion, Ratgeber und Maßnahmen. Wenn ich irgendwo Klumpen, Vertrocknetes, Unfertiges wittere, beschäftigt mich das, und ich setze darauf, es ändern zu können – durch Gestampfe und Gerenne, Vorhaben und ihre Umsetzung. Doch der Frühling hält der Selbstoptimiererin in mir den Spiegel vor: Das Reifen und Wachsen und Blühen geschieht (fast) von alleine. Was, wenn es so auch mit meinem Wachsen wäre? Mit unseren Gaben und Lebenswegen, mit dem, was wir manchmal „Schicksal“ nennen, auch mit unserem Glauben, der an einem Tag klein ist wie ein Senfkorn und am anderen eine sturmfeste Eiche? Wenn in mir „einfach da“ wäre, was ich jetzt noch nicht sehen kann und oft schmerzlich vermisse – Klarheit, Sinn, Vertrauen und Liebe… Und an mir wäre es schlicht und ergreifend, das Gestampfe, Getrete und Gelaufe zu lassen, auszuatmen, gewiss zu sein (oder zu werden), dass ich werde, dass alles wird, dass sich das Universum zweifellos entfaltet wie vorgesehen: Wie wäre das?

Fragt und wünscht einen gelassenen Frühling

Ihre Pastorin Julia Koll