Liebe Freunde und Bekannte in Bienenbüttel,

Liebe Freunde und Bekannte in Bienenbüttel,

Liebe Freunde und Bekannte in Bienenbüttel,

mein Jahr in Sambia ist jetzt vorbei. Ich bin seit 5 Wochen wieder in Bienenbüttel. Ich habe viele neue Eindrücke und Erfahrungen gesammelt.
Ein Jahr ist es her, seit ich vom Missionswerk in Hermannsburg in diesen Freiwilligendienst entsendet wurde. Was bleibt von diesem Jahr? Habe ich überhaupt etwas bewegen können? Auf der Homepage des Weltwärts-Programmes, welches den größten Teil dieses Freiwilligendienstes finanziert, heißt es: „Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst Weltwärts ist ein Erfolg“. Aber ist er das wirklich? Inwiefern ist er entwicklungspolitisch? Konnte ich den Menschen in Sambia wirklich helfen? Und was hat dieses Jahr sonst noch ausgemacht?

Bericht überarbeitet

 


Wie in den bisherigen Rundbriefen bereits beschrieben, arbeite ich hauptsächlich mit Jugendlichen zusammen. Ich bringe ihnen bei, wie man mit Computern umgeht und versuche, sie mit unserem Sportprogramm für das Thema AIDS zu sensibilisieren und ihren HIV-Status negativ zu halten. Der Computer-Kurs und das Sportprogramm befassen sich also jeweils auf unterschiedliche Weise mit den Themen Bildung und Gesundheit. Zwei sehr wichtige entwicklungspolitische Themen, mit denen sich Mmabana und mein Dienst auseinandersetzen. Aber wie sieht es denn in Sambia überhaupt mit Bildung und Gesundheit aus?
In Sambia ist es Pflicht, zur Schule zu gehen. Diese Schulpflicht gilt allerdings nur für die Primary School, die von der ersten bis zur siebten Klasse geht. Danach gehen die Kinder, deren Eltern sich die Schule weiter leisten können, bis zur 12.Klasse in die Secondary School. Einige Kinder können die Schule aber auch gar nicht besuchen, da die Schulgebühren zu hoch sind. In Sambia herrscht zudem ein Unterschied zwischen staatlichen und privaten Schulen. Die privaten Schulen haben einen guten Standard, während in den staatlichen Schulen der Unterricht oft unter schwierigen Lernbedingungen stattfindet. So kommt es zum Beispiel vor, dass in einer Klasse bis zu 70 Schüler sind.
Mit dem Computer-Kurs schafft Mmabana ein Bildungsangebot für diejenigen, die in der Regel die Schule bereits abgeschlossen haben.
Vielen Jugendlichen eröffnet sich hier nach dem Schulabschluss keine Perspektive. Einige wollen zur Universität, einige suchen Arbeit. Die Universität ist für viele nicht bezahlbar. Die Semestergebühr beträgt ungefähr 2100 Kwacha, was im jetzigen Wechselkurs etwas mehr als 200 Euro sind. Das ist für die meisten Sambianer zu teuer. Diejenigen, die lieber arbeiten möchten, haben aber auch nicht viel bessere Chancen. In Choma und generell in Sambia gibt es kaum Arbeit, und wenn, dann wird sie oft schlecht bezahlt. Es gibt einige, die jeden Tag von morgens bis abends für weniger als 400 Kwacha (50 Euro) im Monat arbeiten und glücklich sein kann der, der einen Job bei Spar hat, dem einzigen Supermarkt hier in Choma. Im Spar verdient man um die 800-1000 Kwacha (100-125 Euro) im Monat und auch die Arbeitszeiten sind besser. Eine Arbeitsstelle bei Spar wäre im Vergleich zu Deutschland wahrscheinlich nur für Schüler ein guter Job.
Mmabana versucht genau hier, den Jugendlichen zu helfen. Sie bekommen einen kostenfreien Computer-Kurs und mit Hilfe des Youth Clubs dazu auch eine ideelle Förderung, die sie auf ihr Leben vorbereitet. Die Chancen unserer Jugendlichen werden auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessert. Deutlich wird dies, wenn man zum Beispiel einmal in den Sparladen geht. Einige der ehemaligen Absolventen sind hier zu finden. Spar hat mittlerweile gemerkt, dass die Jugendlichen von Mmabana gut vorbereitet sind. Sie können mit dem Computer umgehen und sie haben auch gelernt, pünktlich zu sein, Verantwortung zu übernehmen, zielstrebig zu sein und mit vielen anderen Herausforderungen fertig zu werden.
Unter welchen gesundheitlichen Bedingungen lebt man in Sambia? Wie die Gesundheitsversorgung in Sambia funktioniert, zeigt ein Beispiel vom letzten Youth Day. Beim Youth Day gibt es immer einen Marsch der verschiedenen Organisationen und Schulen durch die Stadt, Politiker halten Reden und es werden kleine Sketche, Songs oder Gedichte zum Thema des jeweiligen Youth Day vorgeführt. Als eine unserer Jugendlichen plötzlich ein Stechen im Herzen verspürte, kam der Krankenwagen, um sie abzuholen. Dieses Stechen hatte sie nicht zum ersten Mal, allerdings war sie damit aber vorher noch nicht beim Arzt gewesen. Nach diesem Vorfall musste sie einige Tage in ärztlicher Obhut bleiben, wurde nach einiger Zeit aber nach Hause geschickt – allerdings ohne jeglichen Befund der Ärzte und nur mit dem Rat, etwas mehr Milch zu trinken. Das bei einem so riskanten Fall, bei dem das Herz betroffen ist, jemand einfach so entlassen wird, fand ich schon etwas merkwürdig und ich bin ehrlich gesagt auch froh, nie richtig krank gewesen zu sein.

Bericht überarbeitet
Die Lebenserwartung in Sambia ist eine der niedrigsten der Welt. Sie beträgt etwa 47 Jahre. Mein Leben wäre also schon fast zur Hälfte vorbei. Der Grund dafür ist sicherlich die schlechte medizinische Versorgung und auch, dass es viele gefährliche Krankheiten, wie Malaria, Polio, Tuberkulose und vor allem HIV/Aids gibt. Sambia hat eine der höchsten Aids/HIV-Raten der Welt. Etwa ein Achtel der 15–49-jährigen sind HIV-positiv. Aber wie kommt ein so hoher Wert zustande?
In diesem Jahr hat mich diese Frage sehr beschäftigt. Auch wenn ich mich in meiner täglichen Arbeit viel damit auseinander gesetzt habe, ist es schwer, eine eindeutige Antwort zu finden. Ich denke, dass viele verschiedener Faktoren zusammenkommen.
Zu diesen Faktoren gehören zum einen die unzureichende Aufklärung über die Gefährlichkeit der Krankheit und wie man sich schützen kann, aber auch Polygamie sowie Geschlechterrollen. Mythen, wie „Aids kann durch Sex mit einer Jungfrau geheilt werden“ oder „Das Trinken von Krokodilfett senkt die Wahrscheinlichkeit vor Ansteckung“, sind hier immer noch aktuell. Es gibt aber auch andere Hindernisse, die der Aufklärung im Wege stehen. Eines davon ist auch der Glaube.
Ich war einmal in einem Gottesdienst, bei dem der Prediger Wissenschaftler, die sagten, dass HIV/Aids unheilbar sei, als Boten des Teufels bezeichnete.
Er begründete, Jesus könne alle Probleme lösen und bot den Leuten sogleich an, für sie zu beten, dass Jesus sie von ihren Leiden befreie. Man muss wissen, dass der Glaube hier eine viel wichtigere Rolle als in Deutschland einnimmt und die Leute Dinge, die der Pastor sagt, in der Regel nicht hinterfragen. Ein solches Verhalten kann die Leute sehr beeinflussen. Wieso sollte man den Virus ernstnehmen, wenn man ein guter Christ ist und man von Jesus geheilt werden wird? Die Aussage hat mich damals wirklich sehr erbost.
Zur Unwissenheit und dem Aberglaube über verschiedene Heilungsmethoden kommt das Sozialverhalten und der Umgang der Geschlechter. Ein Mann hat nicht nur eine Freundin, sondern 3 und diese betrügt er dann auch noch mit anderen Frauen. Diese Freundinnen und One-Night-Stands haben dann neben diesem Freund aber auch noch einen weiteren Freund oder einen Sugardaddy, und diese haben auch noch ihre anderen Sexpartner. Das sexuelle Network der Leute hier ist sehr groß, unsicher und unübersichtlich, sodass, wenn auch nur einer positiv ist, alle, wenn sie nicht vorsichtig sind, bald angesteckt sind.
Dadurch, dass Männer Sex ohne Kondom verlangen und nur wenige Frauen in der Lage sind, dem Mann zu widersprechen, verbreitet sich der Virus sehr schnell.
Darüber hinaus sind Kondome nicht überall frei verfügbar. Bei Spar einen Kwatcha für ein Kondom zu bezahlen, ist für viele nicht möglich und im gesamten letzen Jahr wurden auch nur etwa 5,3 Millionen Kondome umsonst verteilt. Sambia hat etwa 13 Mio. Einwohner, wovon etwa die Hälfte sexuell aktiv ist. Auf jeden sexuell aktiven Sambier kommt also höchstens ein freies Kondom pro Jahr.
Dass ein Mangel an frei verfügbaren Kondomen in Sambia besteht, habe ich hier auch deutlich gemerkt. Mmabana versucht, mit dem Sportprogramm die Jugendlichen vor Aids/HIV zu schützen und so habe ich seit Ende Februar bereits etwa 5.000 Kondome an Jugendliche beim Training oder bei Freundschaftsspielen verteilt.
Die Arbeit, die Mmabana für das Land tut, finde ich sehr wichtig und ich bin sehr glücklich, ein Teil davon gewesen zu sein. Ich denke, dass die meisten Fragen, die ich in der Einleitung dieses Rundbriefs stellte, positiv beantwortet werden können. Ja, ich denke, ich helfe den Menschen in Sambia, was entwicklungspolitischen Themen angeht. Die Frage, ob der Freiwilligendienst ein Erfolg sei, ist aber noch offen und gerade hier gibt es viel Kritik. Es heißt zum Beispiel, dass das Geld der Bundesregierung den Projekten mehr helfen könnte, wenn es direkt dahin fließen würde, oder wenn man ausgebildete Leute schicken würde, um hier zu arbeiten. Diese Leute haben mit dieser Kritik sicherlich Recht. Ich bin kein Mediziner und kein IT-Spezialist. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es durchaus hilft, junge Leute wie mich in die Freiwilligenarbeit zu entsenden. Während dieser Arbeit wachsen das Bewusstsein und das Verständnis für andere Kulturen und Unterschiede in der Welt. Man lernt Dinge, die man aus Artikeln und Berichten aus Büchern, Fernsehen oder Internet niemals so verstehen könnte. Es ändert die Sicht auf andere Menschen und Kulturen, wenn man sie hautnah miterlebt.
Sambia ist sehr unentwickelt. Mein Vorfreiwilliger hat gesagt, dass es etwa 60 Jahre im Vergleich zu Deutschland zurückliege, und diesen Unterschied merkt man sehr, manchmal auch auf seltsame Weise. Einige Sambier besitzen die neuesten Smartphones, kochen zu Hause aber ihr Essen auf Holzfeuern. In Deutschland kann man sich keinen Haushalt ohne Waschmaschine vorstellen und hier kenne ich niemanden, der eine Waschmaschine besitzt.
Der Unterschied zwischen Deutschland und Sambia ist sehr groß und man fühlt sich schlecht, wenn man darauf angesprochen wird. Wenn ich beim Fußballtraining meine „normalen“ Fußballschuhe anziehe, sind alle total beeindruckt von ihnen. „These boots are very strong, aren’t they? They are original.” Ich bin nicht reich und trotzdem viel reicher als meine Freunde. Meine Freunde werden sich vielleicht nie solche Schuhe leisten können.
Schuhe wie diese sind aber in Deutschland normal. Ich denke auch, dass einige von ihnen das gleiche denken und sicherlich sind auch einige neidisch auf das Leben, dass ich habe. Ich habe einfach viele Privilegien nur dadurch, dass ich zufälligerweise in Deutschland geboren wurde. In unsere Welt sind die Dinge oft sehr ungerecht verteilt.
Ich denke, das ist es auch, was den Erfolg des Freiwilligendienstes ausmacht. Es geht darum, junge Menschen für die Unterschiede in der Welt zu sensibilisieren und voneinander zu lernen. Ich habe viele Dinge gelernt  wie Lieder, Wörter, Gesten, Nshima kochen, sambisch tanzen usw., aber auch wie stark einige Menschen sind und was für Herausforderungen sich einige Menschen in ihrem Leben zu stellen haben. Es ist sehr beeindruckend, wie die Leute damit umgehen. Ich habe gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen und auch diese kleinen Dinge zu teilen. Ich werde die Einfachheit des Lebens hier vermissen und auch die Freundlichkeit und Freude, mit der die Leute hier durch das Leben gehen. Dieses Jahr hat mich sehr bereichert und ich möchte es eigentlich auch nicht so richtig beenden. Die Zeit ist fast vorbei.
Die letzten drei Wochen werde ich jetzt noch nutzen, um mich von allen Leuten verabschieden zu können. Ich werde den für mich zweiten Computerkurs noch beenden, noch mit Lena zusammen einen Youth Club gestalten. Ich werde eine Abschlussfeier veranstalten, die letzten Freundschaftsspiele (hoffentlich) gewinnen und meine engen Freunde besuchen oder einladen, um noch einmal viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Der Abschied wird mir schwer fallen, aber ich freue mich auch ein klein wenig auf Deutschland und auch wieder auf eine neue Herausforderung durch das Studium.

Bericht überarbeitet

Vielen Dank an all meine Förderer, die mir dieses Jahr ermöglicht haben.

Ein ebenso großes Dankeschön an das ELM und das weltwärts-Programm.

Nasekabuella a 19. Juli – Ich werde am 19. Juli wiederkommen.

Euer Frederik Bade    Frederik.Bade@gmx.net