Erntedank? – Danken? Wem denn?

Auf den ersten Blick eine Idylle: reifes Korn, ein kräftiger Schnitter, eine geschickte Garbenbinderin, die mit ihm Schritt hält. Die ganze Szene strahlt Wärme und Glück aus, eine Erinnerung an Zeiten, als man abends noch wusste, was man geschafft hatte. Aber der Schein trügt, wie immer, wenn es um die „gute alte Zeit“ geht. Die Arbeit auf dem Feld bedeutete Schufterei von morgens bis abends. Ein kurzes Gewitter konnte die Mühe eines ganzen Jahres zunichte machen – und wehe, die fleißige Magd wird krank oder der junge Mann alt und kann seine Sense nicht mehr so schwungvoll durch die Halme ziehen. „An Gottes Segen ist alles gelegen“, stickte die Hausfrau ins Sofakissen, und der Bauer schrieb es über das Scheunentor.

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Auf diesen Segen von oben waren alle angewiesen – Arme und Reiche. Denn hier unten ließ sich wenig bestimmen.
Und heute? Leben wir in besseren Zeiten? Wir sorgen vor für Alter und Krankheit, wir planen kein Fest ohne verlässliche Wettervorhersage, und unsere Überstunden sind tariflich geregelt. Wir verlassen uns am liebsten auf uns selbst. Dass ohne Gottes Segen nichts gelingt, würden wohl die wenigsten vorbehaltlos bejahen. Und Dank sagen für eine gelungene Ernte – das tun wahrscheinlich nicht mal mehr alle Bauern.
Das Erntedankfest ist ein Anlass, uns zu erinnern. Wir verdanken unser Leben – so widersprüchlich und brüchig und unvollendet es sein mag – nicht uns selbst. Wir sind da, weil unsere Eltern bereit waren, ihr Leben weiterzugeben und die damit verbundenen Aufgaben auf sich zu nehmen. Was wir können, haben uns nicht nur unsere Begabung und unsere Tatkraft und manchmal auch unsere Ellbogen beschert.
Chancen wurden uns geboten, andere haben sich um uns bemüht und gesorgt, haben Talente erkannt und uns weitergeholfen.
Die Menschen in der Landwirtschaft und die vielen, die für unser tägliches Brot und für unser tägliches Leben sorgen, haben uns unser Leben ermöglicht.
Haben wir sie im Blick?
Und erst recht nicht Gott, den Schöpfer. Er steht hinter allem. „Der Herr ist freundlich dem Menschen, der nach ihm fragt.“ Doch tun wir das? Lieber reden wir, dass jeder selbst seines Glückes Schmied ist. Und wenn dann das “Glückschmieden“ misslingt, wenn Not und Tod uns dazwischen fahren, dann wird das dem lieben Gott vorgeworfen. Dann taugt er nur noch dazu, um ihm vorzuwerfen, dass es ihn nicht gibt.
Gott liebt seine Schöpfung, er liebt uns. Und diese Liebe, diesen Segen von oben erleben wir jeden Tag. Denn wir ernten vieles, was wir nicht gesät haben, stehen manchmal staunend vor dem, was aus einer vagen Idee, einem hingeworfenen Wort, einem Lächeln sich überaschenderweise entwickelt hat. Weniger, viel weniger liegt es in unserer Hand, als wir manchmal meinen. Dafür dürfen wir danken. Jeden Tag ein kleines bisschen mehr.

Danken macht glücklich.
Ich sehe die Welt mit anderen Augen.
Danken macht großzügig.
Ich erkenne, wie viel mir geschenkt wird.
Danken macht demütig.
Horizont und Herz werden weit.
Tina Willms

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pastor Jürgen Bade

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